Heros-Pleite: Die Suche nach 90 Millionen Euro (Hamburger Abendblatt)

28.02.2007

Hildesheim: Manuel Sack ist Insolvenzverwalter für die Heros-Gruppe, bis Anfang 2006 das größte Geldtransportunternehmen in Europa. Und dessen vormaliger Chef, Karl-Heinz Weis, sitzt seit November auf der Anklagebank am Landgericht Hildesheim wegen Untreue in besonders schweren Fällen und Bankrott. Gestern im Gerichtssaal haben sie sich erstmals getroffen, der Mann, der die Scherben kittet und der Mann, der das Unternehmen sehenden Auges in den Ruin getrieben hat.

Es wurde eine Begegnung mit Stil: Sack ging zur Anklagebank, gab Weis die Hand. Und der bedankte sich beim Insolvenzverwalter dafür, dass es gelungen ist, den Kern des Konzerns zu retten. Von einstmals 5000 Beschäftigten arbeiten heute wieder knapp 3000 bei einem Nachfolgeunternehmen. Heros, so schätzt Sack die Geste ein, "war sein Lebenswerk".

Was davon aber auch bleibt, ist die unvorstellbare Summe von "550 bis 600 Millionen Euro an Verbindlichkeiten". So hoch nämlich belaufen sich laut Sack die absehbaren und zumeist bereits geprüften Forderungen von geprellten Kunden, allen voran die Rewe-Gruppe, die allein über 160 Millionen Euro verloren hat. Das von Weis und zwei weiteren geständigen Angeklagten beschriebene System: Heros kassierte bei Banken und Einzelhandel das Geld ein, überwies es aber nicht direkt, sondern verzögerte die Auszahlung. Ein Schneeballsystem, um die immer neuen Zukäufe zu finanzieren und ganz nebenbei auch die wachsenden Defizite im operativen Geschäft. Das ging nur gut, solange auch die Umsätze wuchsen und das Finanzamt die gefälschten Bilanzen akzeptierte. Die wiesen Gewinne aus durch Scheingeschäfte mit der Folge, dass der Insolvenzverwalter jetzt vom Land Niedersachsen 20 Millionen Euro zurückfordert, weil sie gezahlt wurden aus Gewinnen, die nie existiert haben. Sack ist zuversichtlich, dass er das Geld bekommt: "So ist das Steuerrecht."

Es wäre aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Insgesamt, so schätzt es Sack ein, werden die Gläubiger bestenfalls eine einstellige Quote ihrer Forderungen bekommen. Weswegen Banken, Handelskonzerne, aber auch kleine Händler sich weniger für den Strafprozess gegen die Manager um Firmengründer Weis als für die angelaufenen Zivilprozesse mit der Mannheimer Versicherung interessieren. Die Mannheimer hat Heros versichert, aber will nicht zahlen, weil nur das Geld während des Transports gemeint gewesen sei, nicht aber Untreue der Geschäftsführung.

Sack spürt derweil der Frage nach, wo rund 90 Millionen Euro geblieben sind, für die es keine Belege gibt: Ob Weis, dem er doch eben freundlich die Hand geschüttelt hat, für die Zeit danach Geld gebunkert hat? Sack lächelt und sagt: "Eine spannende Frage." (Ludger Fertmann) Gestern im Gerichtssaal haben sie sich erstmals getroffen, der Mann, der die Scherben kittet und der Mann, der das Unternehmen sehenden Auges in den Ruin getrieben hat.
 
Es wurde eine Begegnung mit Stil: Sack ging zur Anklagebank, gab Weis die Hand. Und der bedankte sich beim Insolvenzverwalter dafür, dass es gelungen ist, den Kern des Konzerns zu retten. Von einstmals 5000 Beschäftigten arbeiten heute wieder knapp 3000 bei einem Nachfolgeunternehmen. Heros, so schätzt Sack die Geste ein, "war sein Lebenswerk".
 
Was davon aber auch bleibt, ist die unvorstellbare Summe von "550 bis 600 Millionen Euro an Verbindlichkeiten". So hoch nämlich belaufen sich laut Sack die absehbaren und zumeist bereits geprüften Forderungen von geprellten Kunden, allen voran die Rewe-Gruppe, die allein über 160 Millionen Euro verloren hat. Das von Weis und zwei weiteren geständigen Angeklagten beschriebene System: Heros kassierte bei Banken und Einzelhandel das Geld ein, überwies es aber nicht direkt, sondern verzögerte die Auszahlung. Ein Schneeballsystem, um die immer neuen Zukäufe zu finanzieren und ganz nebenbei auch die wachsenden Defizite im operativen Geschäft. Das ging nur gut, solange auch die Umsätze wuchsen und das Finanzamt die gefälschten Bilanzen akzeptierte. Die wiesen Gewinne aus durch Scheingeschäfte mit der Folge, dass der Insolvenzverwalter jetzt vom Land Niedersachsen 20 Millionen Euro zurückfordert, weil sie gezahlt wurden aus Gewinnen, die nie existiert haben. Sack ist zuversichtlich, dass er das Geld bekommt: "So ist das Steuerrecht."

Es wäre aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Insgesamt, so schätzt es Sack ein, werden die Gläubiger bestenfalls eine einstellige Quote ihrer Forderungen bekommen. Weswegen Banken, Handelskonzerne, aber auch kleine Händler sich weniger für den Strafprozess gegen die Manager um Firmengründer Weis als für die angelaufenen Zivilprozesse mit der Mannheimer Versicherung interessieren. Die Mannheimer hat Heros versichert, aber will nicht zahlen, weil nur das Geld während des Transports gemeint gewesen sei, nicht aber Untreue der Geschäftsführung. Sack spürt derweil der Frage nach, wo rund 90 Millionen Euro geblieben sind, für die es keine Belege gibt: Ob Weis, dem er doch eben freundlich die Hand geschüttelt hat, für die Zeit danach Geld gebunkert hat? Sack lächelt und sagt: "Eine spannende Frage." (Ludger Fertmann)